Freitag, 21. August 2026

Back then #23 - Boot tut gut

 


Manchmal reicht eine kleine Erinnerung, um mich mitten in meine Jugend zurückzukatapultieren.

„Eskimos.“

Heute würde man selbstverständlich Inuit sagen. Damals, zu meiner Schulzeit, hieß das Thema tatsächlich noch so.

Ich sollte ein Referat erstellen. Ich bin mir bis heute nicht ganz sicher, ob ich es tatsächlich vortragen musste oder ob ich es einfach nur schriftlich abgeben sollte. Was ich aber noch ziemlich genau weiß: Ich habe mich richtig hineingekniet.

Und wenn ich heute darüber nachdenke, war ich damals ungefähr in dem Alter, in dem meine eigenen Kinder heute sind.

Das macht die Geschichte irgendwie noch verrückter.

Meine Kinder wachsen mit Internet, Smartphones, Suchmaschinen und KI auf. Für sie ist es völlig normal, Informationen innerhalb von Sekunden zu finden, Bilder aus dem Internet zu holen und einen Text am Computer zu erstellen.

Ich saß damals im gleichen Alter mit Büchern aus der Schule und der Bücherei da.

Mein Bruder hatte damals gerade seinen ersten PC angeschleppt. Kein Windows, wie wir es heute kennen, kein Word, kein Internet und schon gar kein automatisches Speichern. Irgendwas mit „Win“ war da, dazu ein simples Schreibprogramm – und ein Nadeldrucker, der beim Drucken das ganze Haus akustisch darüber informierte, dass er gerade eine Seite produzierte.

Und natürlich dieser Monitor. Ein richtig schwerer Klotz. Tief, klobig und wahrscheinlich gefühlt halb so groß wie der heutige Schreibtisch. Den stellte man nicht mal eben um. Wenn der einmal an seinem Platz stand, dann blieb der da.

Zusammen war das eine beeindruckende technische Anlage. Heute steht das bereits in einem Museum.

Damals war das unser Computer.

Internet? Fehlanzeige.

Also habe ich Bücher gewälzt, gelesen, Informationen herausgesucht, formuliert und umformuliert. Meine Mama musste natürlich auch mit ran und bekam den einen oder anderen Textabschnitt zur Kontrolle vorgelegt.

Irgendwann war das Referat tatsächlich fertig.

Gefühlt mitten in der Nacht. Wahrscheinlich war es „nur“ irgendwann nach 21 Uhr.

Jetzt musste das Referat nur noch gedruckt werden.

Ratter-ratter-ratter-ratter.

Eine Seite.

Zwei Seiten.

Drei Seiten.

Und dann …

nichts.

Der Drucker stand still.

Der PC reagierte nicht mehr.

Die Maus bewegte sich nicht.

Alles abgestürzt.

Ich war am Verzweifeln.

Mein Bruder kam dazu und begann, herumzudoktern. Ich weiß noch genau, wie ich vermutlich immer wieder sagte, dass ich doch nur noch drucken müsse.

Und dann kam sein Satz: „Boot tut gut.“

Ich glaube, mir ist in diesem Moment alles aus dem Gesicht gefallen.

Neustart?!

Ich hatte das Referat kein einziges Mal gespeichert. Mein erster Versuch eine Hausaufgabe am PC zu erstellen.

Kein automatisches Zwischenspeichern. Keine Cloud. Kein „Wiederherstellen“. Kein „Möchtest du die zuletzt bearbeitete Version öffnen?“.

Nichts.

Das komplette Referat existierte nur in dieser einen eingefrorenen Version.

Wir haben den Neustart ungefähr eine Stunde lang erfolgreich verweigert. Vielleicht ließ sich der Rechner ja doch noch irgendwie retten.

Ließ er sich nicht.

Also blieb irgendwann nur noch:

Neustart.

Und zwar nicht nur für den Computer.

Auch für mich.

Ich durfte noch einmal anfangen.

Glücklicherweise habe ich ein verdammt gutes Gedächtnis. Und glücklicherweise hatte mich das Thema tatsächlich interessiert. Durch das viele Lesen und Umschreiben hatte ich mich lange mit dem Inhalt beschäftigt. Außerdem hatte ich ein paar Stichpunkte auf Papier.

Also setzte ich mich wieder hin.

Und schrieb. Nach einem Misserfolg habe ich immer noch mein Motto im Kopf: Das übt."

UND eine äußerst wichtige Erkenntnis:

Speichern ist dein Freund.

Ich perfektionierte in dieser Nacht das Zwischenspeichern.

Schreiben.

Speichern.

Ein bisschen weiterschreiben.

Speichern.

Noch ein Absatz.

Speichern.

Ganz wichtig: Speichern vorm Drucken.

Irgendwann war das Referat wieder fertig. An einigen Stellen habe ich noch Bilder hineingezeichnet, denn mal eben etwas aus dem Internet herunterladen war genauso wenig möglich wie heute eine KI zu bitten, mir passende Illustrationen zu erstellen.

Kurz nach Mitternacht konnte ich endlich ins Bett.

Und am nächsten Morgen ging es zur Schule.

Ich weiß noch, wie unglaublich müde ich war.

Heute sehe ich meine Kinder an und denke manchmal: Ihr seid jetzt ungefähr so alt wie ich damals.

Und dann stelle ich mir vor, ich würde ihnen heute eine Schulaufgabe geben und sagen:

„Hier ist das Thema. Internet gibt es nicht. Sucht euch Bücher. Schreibt alles selbst. Bilder müsst ihr gegebenenfalls selbst malen. Und wenn der Computer abstürzt, ist eure komplette Arbeit weg.“

Ich glaube, sie würden mich für verrückt erklären.

Dabei war das für mich damals Schule. Und manchmal war die Schule echt hart.

Und vielleicht ist genau das der Unterschied zwischen damals und heute: Wir hatten nicht annähernd die technischen Möglichkeiten, die unsere Kinder heute haben. Dafür mussten wir uns anders behelfen. Wir mussten uns Dinge merken, Informationen wirklich lesen und Texte selbst formulieren.

Und wenn die Technik versagte, musste eben das Gedächtnis ran.

Bei mir hat es glücklicherweise funktioniert.

Und eine Sache habe ich aus dieser Nacht für den Rest meines Lebens gelernt:

Speichern ist dein Freund.

Ich speichere lieber einmal zu viel als einmal zu wenig. Manchmal sogar mehrere Versionen.

Denn irgendwo tief in meinem Hinterkopf sitzt noch immer mein Bruder und sagt:

„Boot tut gut.“

Und ich höre eine junge Zottellotte (ne,.... die gab es damals ja auch noch nicht!) panisch denken:

„NEIN! VERDAMMT! ICH MUSS DOCH NUR NOCH DRUCKEN!“


Ich bilde mir bis heute ein, dass ich damals ziemlich viel über die Inuit gelernt habe.

Schließlich habe ich das Referat zweimal geschrieben.

Das muss ja wohl für irgendetwas gut gewesen sein. 😄

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