Es gibt Dinge im Leben, die verschwinden kurz. Eine Socke aus der Waschmaschine zum Beispiel. Ein Kugelschreiber. Haargummis. Diese Dinge verlassen für eine gewisse Zeit unsere Dimension und tauchen später wieder auf.
Und dann gibt es Dinge, die verschwinden mit einer Entschlossenheit, die fast beleidigend wirkt.
Zum Beispiel: mein Haustürschlüssel.
Es begann vor ungefähr einem halben Jahr. Ich kam mit dem Fahrrad nach Hause. Alles war völlig normal. Ich hatte meinen Schlüssel definitiv noch dabei, denn ich schloss den Schuppen auf und stellte das Fahrrad hinein. Danach ging ich zur Haustür und betrat das Haus.
Und dann ...
Sendepause.
Keine Erinnerung. Kein Bild. Keine Eingebung. Nichts.
Der Schlüssel war einfach verschwunden.
Natürlich begannen sofort die Ermittlungen.
Wo waren wir unterwegs? Beim Gassi vielleicht? Ist er aus der Tasche gefallen? In welcher Jacke war ich unterwegs? Welche Hose hatte ich an? Alle Taschen wurden kontrolliert. Mehrfach. Schränke durchsucht. Handtaschen, Rucksäcke, Fahrradtaschen.
Nichts.
Der Schlüssel blieb verschwunden.
An dieser Stelle entstanden selbstverständlich die üblichen Theorien:
Er liegt an einem Ort, an dem ich bereits fünfmal gesucht habe.
Er wurde von einem geheimnisvollen Haushaltswesen entführt.
Haushaltsgegenstände führen nachts ein geheimes Eigenleben.
Der Schlüssel befindet sich in einer Parallelwelt.
Vielleicht wurde er geklaut.
Vielleicht wollte er einfach ein neues Leben beginnen.
Mit der Zeit wurde der Schlüssel zu einer Legende. Er gehörte gedanklich bereits zu denselben Mysterien wie der verlorene Wäschekorb.
Dann kam das Wochenende.
Mein Sohn sollte seine Mensakarte abgeben, weil der Caterer wechselt. Ich durfte sie aus seinem Portemonnaie nehmen. Das Portemonnaie steckte in seiner Bauchtasche.
Ich öffne die Tasche.
Hole die Karte heraus.
Denke: "Ach, da ist auch ein bisschen Müll drin. Den räume ich eben weg."
Und weil ich schon dabei war, schüttelte ich die Tasche einmal kräftig aus, damit auch die Krümel verschwinden.
In diesem Moment fällt etwas in meine Hand.
Mein Schlüssel.
MEIN SCHLÜSSEL!
Nach sechs Monaten.
Sechs.
Monaten.
Ich möchte an dieser Stelle betonen: Wir reden nicht von einem riesigen Schlüsselbund mit zwanzig Anhängern, Karabinern und halbem Baumarkt daran. Es waren genau zwei Schlüssel – der Haustürschlüssel und der Schuppenschlüssel.
Aber daran hing mein Schlüsselanhänger. Ein Flaschenöffner von meinem ersten Arbeitgeber. Den hätte ich wirklich nur ungern verloren.
Während ich den Schlüssel anstarrte, setzte sich plötzlich ein Puzzle zusammen.
Ich war an dem Abend noch mit meinem Sohn und Buffy Gassi gegangen. Ich hatte keine Tasche an der Hose, aber mein Sohn trug seine Bauchtasche.
"Kannst du den Schlüssel mal einstecken?"
Konnte er.
Hat er.
Als wir nach Hause kamen, hatte vermutlich mein Mainzelmann oder meine Prinzessin bereits die Haustür geöffnet. Niemand brauchte den Schlüssel mehr. Wir gingen hinein, der Alltag nahm seinen Lauf, irgendjemand erzählte etwas, Buffy wollte ihr Abendbrot– und die Erinnerung daran, dass der Schlüssel noch in der Bauchtasche steckte, verschwand einfach.
Nicht der Schlüssel war weg.
Nur das Wissen darüber.
Sechs Monate lang lag er friedlich in einer Bauchtasche, wurde tagtäglich zur Schule gefahren und wieder zurück. Er wartete darauf, wiederentdeckt zu werden. Niemand hatte ihn geklaut. Niemand hatte ihn versteckt, auch kein Wurmloch. Er war einfach zur falschen Zeit am falschen Ort – und wir hatten kollektiv vergessen, dass wir ihn dort selbst hingebracht hatten.
Manchmal sind die größten Familiengeheimnisse eben gar keine Geheimnisse.
Sie heißen einfach Alltag.










