Es gibt Menschen, die verbinden Ferien mit Strand, Hotel und Ausschlafen.
Ich verbinde Ferien mit einem blauen M.A.N. und dem gleichmäßigen „Dongdong“ der Autobahn.
Der Freund meiner Mama war Fernfahrer. Und irgendwann, ich war vermutlich acht oder neun Jahre alt, durfte ich ihn in den Sommerferien begleiten.
Ich habe es geliebt.
Tagelang auf dem Bock zu sitzen, aus dem Fenster zu schauen, Kassetten zu hören, zu lesen, zu schlafen. Entweder oben in der Koje oder einfach auf dem Beifahrersitz. Für mich war das Entspannung pur.
Der LKW war ein ziemlich imposantes Gefährt. Blauer M.A.N., graue Plane, Anhänger. Das Fahrerhaus dagegen war erstaunlich unspektakulär. Eine Kühlbox, die über den Autostecker lief. Und ein winziger Schwarz-Weiß-Fernseher mit Antenne, den man während einer Pause anschließen konnte.
Und jetzt kommt das Absurde: Diesen Fernseher hatten wir tatsächlich noch.
Vor gerade einmal vier Wochen haben wir ihn zum Wertstoffhof gebracht.
Jahrzehntelang hatte dieses winzige Schwarz-Weiß-Ding auf unserem Dachboden überlebt. Fernsehen konnte man damit schon damals nur mit viel gutem Willen. Das Bild war klein, schwarz-weiß und die Antenne musste irgendwie so stehen, dass man überhaupt etwas erkennen konnte.
Die Koje war dagegen ein Traum.
Ich durfte oben schlafen. Dafür musste ich richtig hineinklettern und über das Sicherheitsnetz steigen. Mein Schlafsack lag dort schon bereit und dann ließ ich mich von den Bodenwellen der Autobahn sanft in den Schlaf schaukeln.
Und wenn ich wieder wach wurde, zog ich den Vorhang ein kleines Stück auf und beobachtete die Welt.
Autos. Landschaft. Häuser. LKW. Lichter bei Nacht.
Alles zog an mir vorbei.
Mein Ziehpapa hatte damals natürlich kein Navi. Brauchte er auch nicht. Der kannte die Strecken einfach auswendig. Ich kann mich nicht erinnern, dass er jemals irgendwo eine Landkarte aufgeschlagen hätte. Selbst in den Städten, in denen wir zum Abladen mussten, wusste er offenbar einfach immer, wo er hinmusste.
Wir hörten Kassetten. Am Anfang auf jeden Fall Benjamin Blümchen. Später vielleicht Die drei ??? oder TKKG – ganz sicher weiß ich das nicht mehr.
Ich habe damals unfassbar viel gelesen. Eigentlich alles, was mir in die Finger kam.
Und manchmal gab es dafür unterwegs sogar Nachschub.
In Pfungstadt haben wir Zeitschriften geladen und nach Berlin gebracht. Also bekam ich regelmäßig die neueste Bravo und Mädchen. Dazu Donald Duck und Yps. Bücher hatte ich natürlich auch dabei. Wenn wir wieder zu Hause waren, wurden manchmal nur die Klamotten gewechselt, neue Bücher ausgesucht – und dann ging es auch schon wieder los.
Mit meinem Ziehpapa habe ich natürlich auch geredet. Aber wir haben mindestens genauso oft einfach geschwiegen. Nicht dieses unangenehme Schweigen, bei dem beide krampfhaft überlegen, was sie sagen könnten. Einfach nur schweigen.
Weil es für uns beide genauso gut gepasst hat.
Und dann gab es noch die Sache mit der Grenze.
Wir starteten in West-Berlin, oft ging es Richtung Freiburg oder Teningen. Und bevor das eigentliche Abenteuer begann, kam erst einmal die Grenzkontrolle.
Die Personalausweise wurden eingesammelt und verschwanden auf kilometerlangen Förderbändern bis zur nächsten Kontrollstation. Wir fuhren ein Stück vor. Warteten. Fuhren wieder ein Stück vor. Warteten wieder.
Und ich wartete mit.
Denn ich hatte einen anderen Nachnamen als mein Ziehpapa.
Meine Aufgabe war deshalb im Zweifelsfall ziemlich eindeutig: behaupten, dass er mein Vater sei.
Das war vermutlich eher eine Sorge meiner Mama als meine eigene. Denn tatsächlich hat uns deswegen nie jemand angesprochen.
Trotzdem war ich jedes Mal ein kleines bisschen nervös.
Vor allem, weil ein LKW nicht einfach durchgewunken wurde.
Ladezettel wurden kontrolliert. Die Verplombung wurde überprüft. Die Verschnürung der Plane wurde kontrolliert. Ein Spiegel wurde unter den LKW geschoben. Ins Fahrerhaus wurde geschaut.
Wenn wir Pech hatten, wurde sogar die Koje kontrolliert und in den Klamotten herumgewühlt.
Ich habe auch einmal erlebt, dass ein Hund kam und alles abschnüffelte.
Und natürlich kletterte jemand mit einer Leiter hoch, um sich Dach und Plane anzusehen.
Irgendwann waren wir dann tatsächlich durch.
Und dann begann die Reise.
Damals waren die Autobahnen teilweise aus Betonplatten zusammengesetzt, die einfach hintereinander lagen wie riesige Spielzeugplatten.
Und diese Platten machten:
Dongdong.
Dongdong.
Dongdong.
Keine Ahnung, wie viele Kilometer ich so verbracht habe.
Es war jedenfalls das perfekte Einschlafgeräusch.
Dazu das gleichmäßige Brummen des Motors, die Landschaft vor dem Fenster und irgendwann wurden die Augen schwer.
Und wenn wir nicht gerade unterwegs waren, übernachteten wir häufig einfach im LKW.
Ich liebte das.
Ich fand es allerdings ziemlich doof, wenn mein Ziehpapa nachts schlafen machen musste, die Geräusche auf dem Rastplatz möchte ich nicht. Auserdem musste ich mit meiner Waschtasche über den ganzen Parkplatz laufen. In der Waschtasche waren Zahnbürste und Zahnpasta. Das war's.
Kein Waschen an öffentlichen Toiletten - Duschen oder Baden konnte ich schließlich zu Hause.
Nur in Teningen war das anders. Dort gab es einen weiteren Stützpunkt mit zwei Hochbetten und einem Duschraum.
Duschen!
Fast Luxus.
Allerdings nur, solange kein anderer Fernfahrer dort übernachtete.
Dann war es megapeinlich.
Und dann kam der November 1989.
Ich war 14, als die Mauer fiel.
Die Fahrten hörten deshalb natürlich nicht auf. Ich fuhr weiterhin mit, nur etwas hatte sich verändert: Die Grenzkontrolle, die bis dahin zu jeder Fahrt dazugehört hatte, fiel weg.
Die Autobahn blieb.
Die Koje blieb.
Die Kassetten blieben.
Und natürlich das Dongdong.
Offenbar ist mir etwas von diesen Fahrten geblieben.
Denn ich liebe Autobahnfahrten bis heute.
Ich kann dabei perfekt entspannen.
Vielleicht liegt es an diesem gleichmäßigen Fahren. An der Landschaft, die am Fenster vorbeizieht. Daran, dass man einfach nur sitzt und unterwegs ist. Übrigens bis heute mit Hörspiel oder Hörbuch.
Oder vielleicht liegt es auch daran, dass irgendwo tief in meinem Kopf noch immer ein blauer M.A.N. fährt.
Mit einer grauen Plane, einer viel zu kleinen Schwarz-Weiß-Fernseher-Antenne, Benjamin Blümchen auf Kassette und einem Kind im Schlafsack in der Koje.
Und irgendwo darunter:
Dongdong.
Dongdong.
Dongdong.
Und dann sind die Augen zu.
P.S. Das passende Bild zum Beitrag habe ich mit KI Gemini erstellt.


















