Wir schreiben das Jahr 1998.
Ich pendle zwischen Berlin und München. Von Montag bis Freitag arbeite ich in München. Das Wochenende gehört Berlin. Wäsche waschen, Freunde treffen, Familie sehen.
Wegziehen? Das hatte ich überhaupt nicht vor.
Gependelt wurde entweder mit meinem weißen A-Corsa oder mit der Deutschen Bahn. Und wenn ich mit der Bahn unterwegs war, dann gerne im Nachtzug InterCityNight 1501.
Ich steige also eines Abends in Berlin bei frühlingshaften Temperaturen in den Zug. Liegewagen. Doppelstockbetten zum Hochklappen. Lustigerweise schlafe ich meistens oben. Von dort kann man noch ein bisschen aus dem Fenster linsen und die Landschaft beobachten. Nachts ziehen die Lichter vorbei, und das gleichmäßige Schaukeln des Zuges hilft beim Einschlafen.
Ich kann darin tatsächlich gut schlafen. Verschlafen geht nicht. Ich fahre bis zur Endhaltestelle. Eher doof, dass die Gäste, die vorher aussteigen, schon Leben in den Zug bringen.
Gegen sechs Uhr morgens wird man dann von einem meist ausgesprochen fröhlichen Schaffner geweckt. Es gibt eine Tasse Kaffee oder Kakao und ein belegtes Brötchen mit Salami oder Käse. Frühstück ist also gesichert.
Ob man sich anschließend noch die Zähne putzen kann, ist dagegen Glückssache. Man weiß schließlich nie, wer sich gerade auf der Zugtoilette eingeschlossen hat.
Um 7:14 Uhr kommt der Zug am Münchner Ostbahnhof an. Ja, diese Uhrzeit habe ich mir tatsächlich gemerkt. Von dort sind es gerade einmal fünf Minuten bis zu meiner Arbeitsstelle. Praktischer geht es kaum. Dank Gleitzeit ist es auch kein Problem, wenn ich nicht exakt zum üblichen Arbeitsbeginn um 7:15 Uhr am Schreibtisch sitze.
Bis zu jenem Morgen.
Ich stehe frisch gestärkt und mit meinem Gepäck an der Zugtür. Der Zug fährt in den Bahnhof ein und hält. Nur irgendwie ziemlich weit draußen. Oder der Zug war einfach sehr lang. Jedenfalls klettere ich als Einzige aus dem Waggon. Alle anderen sind bereits am Hauptbahnhof ausgestiegen.
Businessmäßig gekleidet. Rock, Strumpfhose, Pumps. Bürotauglich.
Und dann stehe ich da - Knöcheltief im Schnee!
Ähm. Wie bitte?
Ich war doch bei frühlingshaften Temperaturen in Berlin losgefahren!
Der Schnee war weiß, dick und eher matschig als pulvrig. Also genau das, was man sich zu Rock, Strumpfhose und Pumps am frühen Morgen wünscht. Nicht.
Was folgte, war ein ziemlich langer und vor allem ausgesprochen rutschiger Weg bis ins Büro. Ganz elegant *hüstel*, aber ohne Sturz habe ich das gemeistert.
Dort angekommen, habe ich mich erst ein
mal umgezogen. Frische Socken mussten her, dazu ein heißer Tee. Meine Schuhe stellte ich zum Trocknen an die Heizung.
Und während ich meinen Tee trank, konnte ich mich eigentlich nur über mich selbst amüsieren. Was für ein Auftritt! Da reist man aus dem frühlingshaften Berlin an und landet mitten im Münchner Winter.
Tja. Wer rechnet denn damit, dass das Wetter in München ganz anders sein könnte als in Berlin?
Ein Blick in die Nachrichten oder ein gehörter Wetterbericht hätten vermutlich geholfen. Und für die Jugendlichen unter uns: Das Smartphone als mobile Wetterstation gab es damals noch nicht.
Aber deswegen lasse ich mir doch nicht den Tag verderben.
Und tatsächlich: Am Nachmittag war der Schnee verschwunden. Meine Schuhe waren wieder einsatzbereit. Ersatzschuhe hatte ich schließlich eh nicht dabei.
P.S. Das passende Bild zum Beitrag habe ich mit KI Gemini erstellt.