Triggerwarnung: Dieser Beitrag thematisiert den Suizidversuch eines Kindes.
In den Sommerferien habe ich meine beste Freundin besucht. Sie ist die Freundin, mit der ich vor 45 Jahren eingeschult wurde.
Dabei fing unsere Freundschaft alles andere als harmonisch an. Wir saßen nebeneinander – natürlich in der letzten Reihe. Einmal gerieten wir sogar unter dem Tisch in einen heftigen Streit, weil jede von uns überzeugt war, dass der Radiergummi ihr gehörte. Irgendwann riss sie mir ein Büschel Haare aus und ich kratzte sie (oder war's umgekehrt?). Klingt nicht gerade nach dem Beginn einer lebenslangen Freundschaft.
Und doch wurden aus zwei streitenden Mädchen beste Freundinnen. Seit über 44 Jahren gehen wir gemeinsam durchs Leben.
Als wir in diesen Sommerferien bei ihr im Garten saßen und über unsere Grundschulzeit sprachen, fiel plötzlich der Name einer ehemaligen Klassenkameradin. Nennen wir sie hier einfach Anna.
Damals hat Anna versucht, sich das Leben zu nehmen. Sie sprang von einer Brücke über die Autobahn. Der LKW-Fahrer konnte ausweichen, trotzdem wurde sie schwer verletzt. Sie kam nie wieder zurück an unsere Schule.
Damals waren wir Kinder. Viel erklärt wurde uns nicht. Wir bastelten eine Karte für sie, als sie im Krankenhaus war. Das war alles.
Diese Brücke gibt es heute noch.
Damals musste ich jeden Tag auf meinem Heimweg über sie laufen. Und auch heute fahre ich unter ihr hindurch oder über sie hinweg. Jedes Mal blitzt kurz Anna auf. Nicht lange, nur für einen Moment. Aber die Erinnerung ist bis heute geblieben.
Was mich bei dem Gespräch mit meiner Freundin so überrascht hat: Ihr geht es genauso. Auch sie denkt bis heute immer wieder an Anna und bekommt noch immer eine Gänsehaut, wenn sie an diesen Tag denkt.
Erst nach diesem Gespräch wurde mir überhaupt bewusst, dass ich diese Erinnerung seit über 40 Jahren mit mir herumtrage. Zum ersten Mal fragte ich mich ganz bewusst: Was ist eigentlich aus Anna geworden? Wie ist ihr Leben weitergegangen? Hat sie irgendwann ihr Glück gefunden? Und was muss ein Grundschulkind erlebt haben, um keinen anderen Ausweg mehr zu sehen?
Ich werde die Antworten vermutlich nie erfahren.
Aber dieses Gespräch hat mir gezeigt, wie tief sich manche Erlebnisse aus der Kindheit einprägen. Obwohl damals kaum darüber gesprochen wurde, begleiten sie uns ein Leben lang.
Manche Erinnerungen werden mit der Zeit leiser. Andere warten Jahrzehnte darauf, dass man ihnen endlich wieder begegnet.
Redet miteinander. Hört einander zu. Manchmal tragen Menschen Geschichten mit sich herum, von denen niemand etwas ahnt.

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