Freitag, 11. September 2026

Back then #26 - ungeplanter Schnee

 achtung: März 1996


Ich war nicht besonders oft in der Disko. Eigentlich war das eher eine Ausnahme.

Zu laut. Zu voll. Zu verraucht. Zu viele Menschen. Zu spät. Zu teuer.

Dennoch war ich an diesem Abend mit einem Jungen aus meiner Ausbildung unterwegs. Wobei „aus meiner Ausbildung“ nicht ganz stimmt: Er war ein Ausbildungsjahr weiter und fast fertig. Damit liegen wir zeitlich ungefähr bei 1996. Frühling. Die Nacht der Zeitumstellung.

Wir trafen uns in Berlin-Mitte, in der Torstraße. Danach ging es weiter Richtung Kreuzberg. Wie die Diskothek hieß, weiß ich heute nicht mehr. Aber ich erinnere mich an die Location: eine alte Fabrikhalle. Riesengroß. Überall Rohre an den Decken.

Ich habe die ganze Nacht durchgehalten. Getanzt. Spaß gehabt.

Und dann kamen wir irgendwann wieder raus.

Es hatte geschneit.

Nicht ein bisschen.

So richtig.

Die Nacht war zu Ende, es dämmerte schon leicht. Vielleicht war es sechs Uhr morgens. Die Uhr wurde eine Stunde vorgestellt - für mich war´s "erst" fünf Uhr morgens. 

Ich stand da bei meinem Motorrad und wollte nach Hause.

Ich wollte nach Hause.

Mein Motorrad stehen lassen kam überhaupt nicht infrage. Dann hätte ich erst mit den Öffis nach Hause und später wieder hinfahren müssen. Also keine Option.

Die Hauptstraßen sahen sogar schon ganz gut aus. Der Winterdienst hatte bereits geräumt.

Also bin ich gefahren.

Allein. Der Junge blieb noch in der Disko.

Der größte Teil der Heimfahrt war tatsächlich kein Problem. Ich fuhr langsamer und vorausschauender als sonst. Aber ich fror wie ein Schneider. Vor allem meine Finger waren irgendwann eiskalt und taten richtig weh.

Und dann kam der letzte Kilometer.

Ab durch die Franzosensiedlung.

Die Straße war nicht geräumt. Aber auf dem frischen Schnee konnte ich noch ganz gut fahren.

Dann bog ich in meine Straße ein.

Kopfsteinpflaster.

So richtig schöne Katzenköpfe.

Darauf lag Neuschnee. Das Problem war nur: Die Steine darunter waren vorher feucht gewesen und inzwischen angefroren.

Ich fuhr also entsprechend langsam.

Die Kurve war geschafft. Ich fuhr mitten auf der Straße. Schlitterte. Immer wieder rutschte das Vorderrad weg.

Irgendwann überlegte ich, ob ich nicht lieber auf dem Gehweg weiterfahren sollte.

Also lenkte ich ganz vorsichtig und so zart es ging Richtung Gehweg.

Ich dachte die Bewegung mehr, als das ich wirklich lenkte.

Doch im nächsten Augenblick stand ich neben meinem Motorrad.

Es war mir zwischen den Beinen umgefallen und lag auf der Straße.

Ich versuchte, die 170 Kilo wieder aufzurichten.

Aber ich schaffte es nicht.

Durch den Schnee und das Eis schob ich das Motorrad, anstatt es einfach hinzustellen.

Und genau in diesem Moment kam eine Frau aus einem Haus. Sie wollte vor ihrer Haustür kehren.

Mit ihrer Hilfe bekam ich das Motorrad wieder aufgerichtet.

Ich stellte es kurz bei ihr vor der Tür ab und lief die letzten 300 Meter nach Hause.

So kurz vorm Ziel!

Mit ziemlich schlechtem Gewissen weckte ich meine Mama.

Meine Mama war allerdings eine absolut coole Socke. Sie war selbst Motorradfahrerin gewesen. Sie stellte keine Fragen und hielt mir keinen Vortrag.

Wir gingen einfach gemeinsam zurück zum Motorrad und schoben es nach Hause.

Dann war erst einmal Frühstücken und Aufwärmen angesagt.

Danach kam die Besichtigung des Schadens.

Ein paar Schrammen hatte mein Motorrad abbekommen, aber es hielt sich zum Glück in Grenzen. Der Bremshebel war allerdings verbogen.

Aber auch da hatte ich Glück.

Am Nachmittag bekam ich Besuch von meiner Freundin und ihrem Freund. Er war nicht nur Biker, sondern auch Handwerker.

Mit wenigen Griffen hatte er das Pedal wieder gerichtet.

Und damit war die ganze Sache im Grunde erledigt.

Heute denke ich manchmal darüber nach, dass ich damals offenbar ziemlich selbstverständlich dachte: Es schneit? Egal. Das Motorrad muss nach Hause.

Und dass ich dabei irgendwann Sonntagmorgen auf vereistem Kopfsteinpflaster stand, 170 Kilo Motorrad auf der Straße, und meine Mutter zum gemeinsamen Schieben aus dem Bett holen musste.

Aber hey – ich war zu Hause.

Und ich hatte sogar eine Stunde mehr davon.

Es war schließlich die Nacht der Zeitumstellung.

 

P.S. Das passende Bild zum Beitrag habe ich mit KI Gemini erstellt. 

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