Manchmal braucht das Gehirn ein paar Jahrzehnte, um einen einzigen Satz endlich richtig einzusortieren. Genau 30 Jahre, um genau zu sein.
Es muss Mitte der 90er gewesen sein. Meine Freundin stand kurz vor einem riesigen Schritt: Sie würde demnächst mit gerade einmal 17 Jahren in ihre erste eigene Wohnung ziehen. Ein riesiger Umbruch, der in der Luft lag. Aber an diesem einen Abend zählte erst einmal nur der Moment. Wir wollten ausgehen. In die Disko.
Ich war damals wahrlich keine Stammgästin im Nachtleben, und in diesem Laden – dem M21 direkt gegenüber vom Paracelsusbad an der Roedernallee – war ich gefühlt das erste und einzige Mal.
Damals war die Welt im Club noch eine völlig andere:
Die Luft war so dick vom Zigarettenrauch, dass man sie schneiden konnte.
Meine Freundin bewegte sich auf der Tanzfläche wie ein absolut unerreichbarer Star. Sie kannte Hinz und Kunz, wurde von allen gegrüßt und ich stand daneben – als das klassische „Mäuschen aus der zweiten Reihe“.
Und als Krönung verwandelte sich die Tanzfläche im Laufe des Abends plötzlich in einen Männer-Schönheitswettbewerb. Auf einmal tanzten durchgestylte Typen extrem aufreizend vor uns herum. Einer nach dem anderen präsentierte sich.
Ob ich mir das Finale noch angesehen habe? Keine Ahnung. Irgendwann rückte die magische Mitternachtsgrenze näher – Jugendschutz sei Dank – und wir traten den Heimweg an. Wir wollten bei meiner Freundin im Elternhaus übernachten.
Draußen winkten wir uns ein Berliner Taxi heran.
Wer die 90er erlebt hat, weiß: Anschnallpflicht auf der Rückbank war eine reine Empfehlung, an die sich niemand hielt. Man saß also uneingeschnallt auf den glatten Kunstledersitzen, während der Bass noch leicht in den Ohren dröhnte.
Wir sausten durch das nächtliche Berlin, als der Taxifahrer plötzlich ohne Vorwarnung das Lenkrad herumriss. Ein scharfer Haken. Wir rutschten ungebremst von links nach rechts über die Rückbank.
Der Fahrer schaute nicht einmal in den Rückspiegel, sondern meinte nur furztrocken:
„Scheiße, die Katze hab ich nicht erwischt.“
Mir fiel auf der Stelle alles aus dem Gesicht.
Ich starrte meine Freundin an, meine Freundin starrte mich an.
Völliger Schock.
Hat er das gerade wirklich gesagt?! Wollte dieser Mensch gerade eiskalt ein kleines wehrloses Tier überfahren und war jetzt enttäuscht darüber?!
Wir gaben keinen Ton mehr von uns. Die restliche Fahrt verlief in ehrfurchtsvoller, leicht verstörter Stille.
In meiner jugendlichen Naivität war ich felsenfest davon überzeugt, im Auto eines echten Schurken zu sitzen.
Heute – gute 30 Jahre später – sitze ich am Steuer meines eigenen Autos, fahre durch die Gegend und plötzlich fällt es mir wie Schuppen von den Augen.
Berliner Schnauze.
Der Mann wollte die Katze natürlich nicht überfahren. Er war ihr im letzten Bruchteil einer Sekunde ausgewichen und wollte mit seinem knochentrockenen Dialekt sagen:
„Scheiße, die Katze hätte ich fast erwischt!“
Es hat mich also nur drei Jahrzehnte gekostet, diesen einen Satz richtig zu verstehen.
Aber hey: Besser spät als nie.
Und eine gute Geschichte für die Rückbank war es allemal.
P.S. Das passende Bild zum Beitrag habe ich mit KI Gemini erstellt.

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