Freitag, 6. November 2026

Back then #34 – Eine Nacht, ein Motorrad und eine offene Frage

Manchmal kramt man in alten Erinnerungen und plötzlich taucht eine Geschichte auf, die man selbst schon fast vergessen hatte. So ging es mir auch beim letzten Beitrag: Back then #33 – Im Frühling eingestiegen, im Winter ausgestiegen.

Diesmal geht es um eine etwas ungewöhnlichere Anreise mit dem gleichen InterCityNight 1501. Denn diesmal reiste nicht nur ich nach München, sondern auch mein Motorrad.

Das muss wohl im Herbst 1998 gewesen sein. Im April war ich gerade erst nach München gezogen und wusste noch gar nicht, ob ich bleiben würde. Einige Monate später sah das offenbar anders aus. Ich hatte mich entschieden, länger dort zu bleiben, und wollte nun auch mein Motorrad nach München holen.

Erst bei meinen aktuellen Recherchen ist mir aufgefallen, dass ich damals zu einer ziemlich besonderen Zeit mit diesem Zug unterwegs war. Denn die Bezeichnung InterCityNight verschwand bereits zum Jahreswechsel 1998/99. Das hatte ich seinerzeit natürlich überhaupt nicht auf dem Schirm.

Die rund 600 Kilometer zwischen Berlin und München wollte ich allerdings nicht selbst auf zwei Rädern zurücklegen. Also nahm ich kurzerhand den Autozug und reiste wie gewohnt über Nacht. Für die Motorradmitnahme musste ich in Berlin-Wannsee einsteigen.

Verladung in Berlin-Wannsee

Damals führte mein Weg von Norden kommend über die Autobahn und die AVUS weiter in Richtung Süden. Die AVUS, die Automobil-Verkehrs- und Übungsstraße, war eine der ersten Autostraßen der Welt. Heute trägt die A 115 den Zusatz „AVUS“ nur noch in Klammern.

Am Abend wurde für den Nachtzug verladen und langsam wurde es dämmrig.

Die Motorräder mussten zuerst auf die Transportwagen. Dafür sollten die Fahrer ihre Maschinen selbst auf die Wagen fahren. Es gab eine schmale Rampe, über die ich mein Motorrad bringen musste. Also ganz langsam und vorsichtig, bloß nicht aus der Spur kommen. Ich kann mich noch deutlich an dieses Knirschen und Scheppern von Metall erinnern.

Oben angekommen, wurde ich ordentlich eingewiesen. Die Mitarbeiter übernahmen das Verzurren der Maschinen. Als mein Motorrad sicher stand, konnte ich mich auf den Weg in den Zug machen.

Eine Nacht im InterCityNight

Ich übernachtete im Liegewagen. Bei meiner Recherche bin ich auf die Bezeichnung „Kajütenliege“ gestoßen. Ob das tatsächlich die genaue Bezeichnung meines Abteils war, kann ich heute nicht mehr sagen. Die Beschreibung passt jedenfalls zu meiner Erinnerung.

Ich erinnere mich an Vorhänge und zwei übereinander angeordnete Schlafplätze. Eine abgeschlossene Schlafkabine mit eigenem Bad war es jedenfalls nicht. Dafür hätte mein damaliges Budget definitiv nicht gereicht.

Ich mochte das Schaukeln des Zuges, die Lichter draußen und das Gefühl, während der Fahrt einfach schlafen zu können.

Morgens wurde man von den freundlichen Zugbegleitern geweckt. Es gab Kaffee oder Kakao und ein Brötchen mit Salami oder Käse. Das Zähneputzen war manchmal davon abhängig, ob gerade jemand das Zug-WC blockierte. Aber auch das gehörte dazu.

Einmal habe ich versucht, Geld zu sparen und einen Ruhesessel gebucht. Die Sitze ließen sich zwar ziemlich weit zurückstellen, beinahe in eine Liegeposition, aber eben nur beinahe. Man saß in einem offenen Wagen, hatte wenig Privatsphäre und konnte nicht wirklich erholsam schlafen.

Lektion gelernt: Beim nächsten Mal lieber wieder eine Liege!

Am Morgen in München – und das Motorrad wartet schon

Nach dem Frühstück stieg ich am Münchner Ostbahnhof aus. Dort traf ich die anderen Motorradfahrer. Gemeinsam gingen wir zu den Transportwagen.

Die Motorräder wurden losgebunden und wir konnten unsere Maschinen übernehmen. Und hier setzt meine Erinnerungslücke ein – denn ich bin mir ziemlich sicher, dass ich damals vorwärts vom Wagen heruntergefahren bin! 

Ich erinnere mich nicht mehr genau daran, wie die Entladung ablief. Vielleicht war es eine Drehfahrt, vielleicht wurde mit einer Rampe gearbeitet. Vielleicht war der Weg auch einfach nicht so lang, oder ich war jung genug, dass mir das gebückte Laufen auf den niedrigen Transportwagen gar nicht besonders aufgefallen ist.

Jedenfalls ging es anschließend direkt weiter. Für mich zur Arbeit und erst nach Feierabend mit dem Motorrad nach Hause.

Eine kleine Expertenrunde

Natürlich lässt mich so eine Frage nicht los. Also habe ich die bahninteressierten Männer im Bekanntenkreis befragt.

Der eine arbeitet bei Flix und brachte eine sogenannte Drehfahrt ins Spiel. Der andere ist bekennender ICE-Fan und vermutete, dass es vielleicht ähnlich wie bei der Verladung auf Sylt ablief – alternativ mit einer Rampe.

Beide scheinen sich also einig zu sein, dass es irgendeine technische Lösung gegeben haben muss. Nur welche, das wissen wir noch nicht.

Vielleicht liest ja jemand mit, der damals in München Ost mit den Autotransportwagen rangiert hat oder bei der Verladung beteiligt war. Das wäre natürlich großartig!

Ein Stück Nachtzug-Geschichte

Bei meiner aktuellen Recherche bin ich außerdem auf eine interessante Geschichte gestoßen, die mich ziemlich überrascht hat.

Der InterCityNight war mit spanischen Talgo-Garnituren unterwegs. Diese unterschieden sich mit ihren kurzen Wagen und der besonderen Laufwerkskonstruktion deutlich von klassischen Reisezügen.

Es gab verschiedene Möglichkeiten, die Nacht zu verbringen: vom Ruhesessel über Liegeplätze bis hin zu Schlafabteilen. Auch Autos und Motorräder konnten mitgenommen werden. Dafür wurden spezielle Autotransportwagen an den Zug angehängt.

Was ich vorher gar nicht wusste: Die Bezeichnung InterCityNight wurde bereits Ende der 1990er Jahre aufgegeben. Die Talgo-Züge selbst fuhren zwar noch einige Jahre weiter, ihr Einsatz bei der Deutschen Bahn endete aber 2009.

Das bedeutet, dass ich diesen Zug offenbar erst relativ kurz vor dem Ende seiner ursprünglichen Ära kennengelernt habe. Das fand ich bei meiner Recherche tatsächlich erstaunlich. Damals habe ich mir darüber natürlich überhaupt keine Gedanken gemacht. Ich wollte einfach nachts bequem von Berlin nach München kommen – und mein Motorrad sollte mit.

Ich freue mich über jede Ergänzung zu meiner kleinen Zeitreise.

Denn manchmal ist eine fast 30 Jahre alte Erinnerung der Anfang einer ziemlich spannenden Recherche.

 

P.S. Das passende Bild zum Beitrag habe ich mit KI Gemini erstellt.   

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