Freitag, 17. Juli 2026

Back then #20 - Der weiße Hai im Freibad

 

Sommerferien 1990 (Pi mal Daumen).

Damals gab es für uns kaum einen besseren Ort als das Freibad mit seinem großen Badesee. Es gab einen Nichtschwimmerbereich, sauber durch eine Leine vom Schwimmerbereich getrennt. Für die Kleinen war dort Schluss. Für uns war die Leine eher eine Einladung.

"Heute schwimmen wir bis zum anderen Ufer", beschlossen meine Freundin und ich. Auf der anderen Seite gab es zwar nichts Besonderes zu entdecken, aber darum ging es auch gar nicht. Wir fühlten uns groß. Mutig. Frei.

Also schwammen wir los.

Hinweg? Gar kein Problem. Wir quatschten, lachten und ließen uns treiben. Das Wasser war angenehm warm, die Sonne schien, und wir fühlten uns unbesiegbar.

Dann machten wir uns auf den Rückweg.

Mitten auf dem See, weit weg vom Ufer, sagte meine Freundin plötzlich ganz beiläufig:
"Hast du eigentlich den weißen Hai gesehen?"

Ich verneinte.

"Da gibt es eine Szene...", begann sie zu erzählen.

Mehr hätte sie eigentlich gar nicht sagen müssen.

In meinem Kopf lief sofort ein Film ab – obwohl ich den Film Der weiße Hai nie gesehen hatte und ihn bis heute nicht gesehen habe. Plötzlich war unter mir nicht mehr einfach nur Wasser. Da war eine dunkle Tiefe. Schlingpflanzen und Fische. Irgendwo auch der weiße Hai. Natürlich wusste ich, dass es in unserem Freibad keinen Hai gab. Aber mein Kopf interessierte sich herzlich wenig für Logik.

Auf einmal sah das Wasser ganz anders aus.

Ich konnte den Boden nicht mehr erkennen. Unter mir war nur noch dunkles Grün. Wasserpflanzen schaukelten im Wasser. Irgendwo huschten Fische vorbei. Jeder Schatten wurde in meiner Fantasie zu einer riesigen Rückenflosse. Hinter jeder Bewegung vermutete ich einen gewaltigen Kiefer mit mehreren Reihen messerscharfer Zähne.

Mein Herz raste.

Ich schwamm so schnell ich konnte. Tatsächlich hatte ich das Gefühl, überhaupt nicht voranzukommen. Als würde ich auf der Stelle schwimmen. Das Ufer schien keinen einzigen Meter näher zu kommen.

In meinem Kopf hörte ich förmlich diese bedrohliche Musik, obwohl ich sie nur aus Erzählungen kannte.

Da-damm... da-damm... da-damm...

Ich bekam richtig Panik.

Es tat mir furchtbar leid, meine Freundin einfach hinter mir zu lassen. Eigentlich macht man das nicht. Aber in diesem Moment gewann der nackte Überlebensinstinkt gegen jede Vernunft. Ich wollte einfach nur raus aus diesem Wasser.

Als meine Füße endlich wieder den sandigen Boden zum Nichtschwimmerbereich berührten, war ich wahrscheinlich noch nie so erleichtert gewesen.

Bis heute habe ich Der weiße Hai nie gesehen. Ehrlich gesagt habe ich das auch nicht mehr vor.

Und das Schönste an dieser Geschichte?

Mit genau dieser Freundin bin ich bis heute befreundet.

Sie hat mich damals zwar fast zu Tode erschreckt – aber unsere Freundschaft hat den weißen Hai überlebt.

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